Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura

Die Epoche der Pfahlbauromantik

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Die Urgeschichte und der junge Bundesstaat

 Der Winter des Jahres 1853 war extrem kalt und trocken. lm Schweizer Mittelland sank der Wasserstand der Seen auf ein aussergewöhnlich tiefes Niveau ab. Die Einwohner der Gemeinde Obermeilen am Zürichsee wollten die Gelegenheit nutzen, um dem See Neuland abzutrotzen. Schon kurz nach Beginn der Uferarbeiten stiessen sie auf eine Vielzahl von morschen Pfählen, Tierknochen und Gebrauchsgegenständen. Der Lehrer des Dorfes benachrichtigte den Ferdinand Keller, den Präsidenten der Antiquarischen Gesellschaft, der sich seit längerer Zeit mit „vaterländischen Altertümern“ befasste. Keller schrieb den Funden eine besondere Bedeutung zu. Im Frühsommer 1854 besuchte er auch den Bielersee, wo vor allem Emmanuel Müller und Friedrich Schwab Altertümer aus der Vorzeit sammelten, und liess sich von ihnen zu den bisher bekannten Fundstellen begleiten. Auch die bei dieser Gelegenheit gewonnenen Eindrücke flossen in Kellers Werk „Die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen“ ein, das noch im selben Jahr erschien und viel Aufsehen erregte.

 Keller lieferte nämlich eine grundsätzlich neue Interpretation zu den Funden. Der bisherigen Annahme, es handle sich um die Reste versunkender Dörfer, setzte er die These entgegen, die Bauten seien auf pfahlgetragenen Plattformen direkt am oder im Wasser errichtet worden. Die Reste der Ufersiedlung bei Obermeilen bezeichnete Keller erstmals als Pfahlbausiedlung, die – vermutlich wie die anderen Ufersiedlungen im Mittelland – von einer keltisch-helvetischen Bevölkerung aus prähistorischer Zeit bevölkert gewesen sei.

 Dass Kellers Theorie ein so starkes Echo auf auslöste, hatte verschiedene Gründe. Erstens repräsentierten die Funde vor allem Objekte des Alltagslebens – die oft gut erhaltenen Reste von Gebäuden, Nahrungsmitteln, Gefässen, Werkzeugen und Spielzeugen liessen ein Gefühl der Nähe entstehen. Zweitens kam dem neuen Bundesstaat die Vorstellung von einer gemeinsamen Urbevölkerung entgegen – sie half, aktuellen inneren Gegensätzen etwas von ihrer Schärfe zu nehmen. Zudem lag der Schwerpunkt der Pfahlbauerkultur im Mittelland, also überwiegend in den liberalen Kantonen – die Gründungslegende um Wilhelm Tell, den Held der katholisch-konservativen Urschweiz, trat etwas in den Hintergrund. Schliesslich erzählten die Funde von den handwerklichen und landwirtschaftlichen Fähigkeiten und vom Fleiss der Vorfahren – das entsprach weitgehend den Idealen des radikal geprägten, sich im industriellen Aufschwung befindenden jungen Bundesstaates.

 

Das Pfahlbaufieber am Bielersee

Die Veröffentlichung von Kellers Pfahlbautheorie gab der archäologischen Erforschung der Uferzonen erheblichen Auftrieb. Am Bielersee spielten die Forscher Emanuel Müller und Friedrich Schwab eine führende Rolle. Müller hatte inzwischen verschiedene Methoden entwickelt, um die auf dem Seegrund liegenden Funde zu bergen – zum Einsatz kamen Stangen, Zangen und das Schleppnetz. Der Erfolg dieser Bergungsmethoden widerspiegelte sich in der Grösse seiner Sammlung, die unter anderem 70 Tongefässe, 100 Bronzenadeln und 50 Bronzemesser umfasste. Aus gesundheitlichen Gründen zog sich Müller nach und nach zurück. 1856 überliess er seine gesamte Sammlung Friedrich Schwab, seinem Mitarbeiter aus Biel.

Nach Müllers Tod im Jahr 1858 war Friedrich Schwab nicht der einzige Pfahlbauforscher am Bielersee. Auch der Geologe V. Gilliéron aus Neuenstadt und Professor Desor aus Neuenburg untersuchten mehrere Fundstellen. Schwab verfügte aber über die finanziellen Mittel, die die Erschliessung neuer Fundstätten erlaubten. Dank den Fischern Hans Gerber, Benz und Hans Kopp vervielfachte sich der Umfang seiner Pfahlbausammlung. Als Schwab an die zwanzig Pfahlbaustätten am Bielersee ausgemacht hatte, entwarf er eine Karte mit den Fundstätten, die er Ferdinand Keller übermittelte. Nach und nach ging Schwab dazu über, die für ihn arbeitenden Fischer auch auf dem Neuenburger- und dem Murtensee einzusetzen, einige liess er gar auf dem Sempacher- und Baldeggersee nach Fundstellen suchen. Von grosser Bedeutung war Schwabs Erschliessung der Fundstelle von La Tène (1857).  Die vom Fischer Hans Kopp entdeckte Stätte ermöglichte es ihm, seine Sammlung um eine grosse Zahl von eisernen Gegenständen zu erweitern – neben Schmuckstücken kamen vor allem Messer, Lanzen und Schwerter dazu. Schliesslich umfasste Schwabs Sammlung 4525 Gegenstände aus Stein, Knochen, Hirschgeweih, Bronze und Eisen.

Die internationale Ausstrahlung der Pfahlbauforschung

Ferdinand Keller veröffentlichte seine neuen Erkenntnisse regelmässig in der Fachliteratur – dabei machte er auch auf Pfahlbaufunde in Italien und England aufmerksam. So nahm das Interesse an den „Pfahlbauern“ auch im Ausland zu. Auch beim französischen Kaiser Napoleon III fanden die Berichte über eine keltisch geprägte, prähistorische Zivilisation viel Anklang. Um die Vor- und Frühzeit Frankreichs zu dokumentieren, hatte der Monarch 1862 im Schloss Saint-Germain-en-Laye ein Museum für gallische und gallorömische Altertümer eingerichtet. Bald ging er daran die Bestände des Museums zu erweitern. Zu diesem Zweck finanzierte er mit privaten finanziellen Mitteln den Ankauf mehrerer privater Sammlungen. So erhielt auch Friedrich Schwab 1863 eine Offerte des Kaisers, doch der passionierte Sammler lehnte das Kaufangebot ab. Er liess dem Museum aber eine kleine Sammlung von „Altertümern“ zukommen, unter anderem sechs Eisenschwerter aus La Tène. Als Gegenleistung erbat er sich eine Jagdflinte – Schwab war auch ein passionierter Jäger. Im Februar 1866 sandte Napoleon dem Spender tatsächlich ein Jagdgewehr der Firma Castinne-Renette, begleitet von einer persönlichen Widmung. 
Die Theorie von der keltisch geprägten Pfahlbauerkultur wurde immer populärer. Ein Meilenstein in der Verbreitung der Pfahlbauromantik war die Weltausstellung in Paris 1867, denn der Schweizer Beitrag zum Thema „Geschichte der Arbeit“ präsentierte die Kultur der Pfahlbauer. Die ausgestellten Gegenstände - an die 700 Objekte aus der Sammlung von Friedrich Schwab - erregten viel Aufsehen. 
Dem passionierten Sammler aus Biel war es also vergönnt, die Breitenwirkung seines Werks noch persönlich zu erleben. Gesundheitlich ging es ihm aber nicht mehr gut, unter anderem plagte ihn die Gicht. 1865 beschloss Schwab, seine „Sammlung von Waffen, Zierrathen, häuslichen und anderen Geräthschaften aus so genannten Pfahlbauten“ der Stadt Biel zu vermachen. Dazu schenkte er der Stadt 60 000 Franken für den Bau eines Museums, das dazu bestimmt war, die Pfahlbausammlung aufzunehmen. Nach Schwabs Tod am 5. September 1869 beauftragte die stadt Biel den Architekten Friedrich von Rütte, im Pasquart ein Museum zu bauen. Als wohl erstes Gebäude, das voll und ganz der Ausstellung von prähistorischen Funden diente, wurde das Museum Schwab im September 1873 eröffnet. Es entwickelte bald internationale Ausstrahlung.

Der freie Zugang zu den Pfahlbaustationen und seine Folgen

Die erste Juragewässerkorrektion senkte den Spiegel des Bielersees, des Neuenburgersees und des Murtensees um über zwei Meter. Ab dem Jahr 1868 kamen viele bisher vom See bedeckte Pfahlbaustationen dadurch ans Trockene und wurden somit allgemein zugänglich. Seit Emmanuel Müllers und Friedrich Schwabs  Sammlertätigkeit hatte es sich in den Dörfern am Bielersee herumgesprochen, dass Pfahlbaufunde bessere Preise erzielten als Fische. Es erstaunt daher nicht, dass beispielsweise die vor dem Dorf Lüscherz gelegene Pfahlbaustation regelrecht geplündert wurde - während Monaten brachten die Fischer des Dorfes mehr Pfahlbaufunde als Fische auf den Markt.
Durch die ungeregelte Erschliessung und Vermarktung der Funde wurde die wissenschaftliche Erforschung der Pfahlbauten akut bedroht. Angesichts dieser Situation verbot Dr. Johann Rudolf Schneider jegliche private Nutzung  der Pfahlbaustationen, und 1873 erliess der Kanton Bern auch ein staatliches Verbot.
Um die weitere Erforschung der Pfahlbauten zu sichern, vergab der Kanton Bern Konzessionen an verschiedene Fachleute, zum Beispiel an den Arzt Victor Gross aus Neuenstadt und an den Konservator des Historischen Museums Bern, Edmund von Fellenberg. Die beiden Forscher organisierten und leiteten die ersten systematischen Grabungen in Mörigen, Lüscherz, Lattrigen und Sutz.


Prähistorische Kulturbegegnung oder gemeinsame Stammesgeschichte?

Die Frage nach der Herkunft der Menschen, die ihre Häuser als Pfahlbauten errichtet hatten, beschäftigte die Fachleute auch im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert. Damals galt die Vermessung des menschlichen Schädels als relativ zuverlässiges Mittel zur Bestimmung der ethnischen Zugehörigkeit, und der Arzt und Archäologe Rudolf Virchow galt als Kapazität auf diesem Gebiet. Auf Initiative von Victor Gross untersuchte Virchow auch Schädelfunde aus der Region der drei Seen. Er kam zum Schluss, dass es am Bielersee zu einer Kulturbegegnung gekommen sei – die Steinzeit sei von den „Kurzköpfen“ geprägt worden, während in der Kupferperiode auch „Langköpfe“ unsere Region bevölkert hätten. Die Stationen Schafis, Auvernier und Mörigen
 ordnete er den „Kurzköpfen“ zu, jene von Vinelz, Lüscherz und Lattrigen den „Langköpfen“. Trotz dieses Hinweises auf eine heterogene prähistorische Bevölkerung wurde die Theorie einer gemeinsamen Stammesgeschichte nicht fallengelassen - fortan wurde sie vor allem von den „Kurzköpfen“ hergeleitet. Virchow kommentierte: „Die prächtigen Schädel von Auvernier können mit Ehren unter den Schädeln der Kulturvölker gezeigt werden. Durch ihre Kapazität, ihre Form und die Einzelheiten der Bildung stellen sie sich mit den besten Schädeln arischer Rasse an die Seite.“ Wohl im Zusammenhang mit dieser Deutung wurde bald darauf ein bis anhin nie unternommener Versuch gemacht: Ein 1878 in Auvernier gefundenes Skelett einer Frau diente als Grundlage zur vermutlich weltweit ersten Schädelrekonstruktion. 1899 feierte die Zeitschrift „Die Gartenlaube“ die "Frau von Auvernier" als Ahnin der modernen Mitteleuropäer: „Dieses Gesicht ist also das älteste Menschenantlitz aus Mitteleuropa, welches wir heute kennen. Es ist breit, hat eine flache Stirn, vorspringende Wangen, eine kurze, etwas aufstrebende Nase, einen vollen Mund und schwellende Lippen und deutlich markierte Kieferwinkel. Diese Darstellung beruht nicht auf Fantasie, sondern für all diese Merkmale liegen, wie die genannten Forscher sagen, die unverrückbaren Dimensionen in den Knochen, die das Fundament darstellen! Jahrtausende sind ins Meer der Ewigkeit gezogen, seit diese Frau an dem Ufer des Neuenburgersees lebte, aber ihre Gesichtszüge sind uns nicht fremd, wir sind ähnlichen unter den heute Lebenden schon begegnet, und sie werden sich noch viele Jahrtausende hindurch erhalten.“

Quellen:
Gottfried.Friedl-museologien:Die Schweizermacher, Museum und imagined Community. In: http://museologien.blogspot.com/2010/03
Ischer, G. (1928). Die Pfahlbauten des Bielersees, Biel: Verlag der Heimatkundekommission Seeland
Bourquin, W., Bourquin, M. (1999). Stadtgeschichtliches Lexikon, Biel: Büro Cortesi Biel
Pfahlbauten. In: Meyers Grosses Konversations-Lexikon, Sechste Auflage, 1908, Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut






Autor: Christoph Lörtscher / Quelle: 2011
Format: 2011