Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura

Rousseaus Briefe zum Abschied von der Petersinsel

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Rousseaus Briefe an Emanuel von Graffenried, Herr zu Worb, Landvogt zu Nidau

Erster Brief

St. Petersinsel, 17. Oktober 1765

Mein Herr! Ich werde dem Befehl Ihrer gnädigen Herren nachkommen mit dem Bedauern, aus Ihrer Landvogtei und aus Ihrer Nachbarschaft scheiden zu müssen, doch mit dem Trost, Ihre Achtung und und diejenige der rechtschaffenen Leute mit mir nehmen zu können. Wior treten in eine rauhe Jahreszeit ein, besonders für einen armen Gebrechlichen. Ich bin nicht vorbereitet für eine lange Reise; meine Angelegenheiten erheischten einige Vorbereitung; es wäre mein Wunsch gewesen, mein Herr, dass Sie mir gefälligst angezeigt hätten, ob man mir befehle, auf der Stelle abzureisen, oder ob man bereit sei, mir einige Wochen einzuräumen, um die nötigen Vorkehrungen für meine Situation zu treffen. Bis Sie mir gütigst einen Termin angegeben, den ich selbst noch zu verkürzen bestrebt sein werde, nehme ich an, dass es mir gestattet sei, hier zu verweilen, bis ich die nötigste Ordnung in meine Angelegenheiten gebracht habe.  Was mir diese fast unerlässliche Verspätung verursacht, ist, dass auf Anzeichen hin, die mir sicher schienen, ich mich eingerichtet hatte, hier mit der stillschweigenden Genehmigung der Regierung den Rest meines Lebens zuzubringen. Ich möchte Gewissheit haben, ob Ihnen mein Besuch nicht missfallen würde. So kostbar mir die Augenblicke gegenwärtig auch sind, liesse ich mir doch die angenehmsten nehmen, um Ihnen, mein Herr, die Versicherung meiner Achtung zu erneuern.

Zweiter Brief

St. Petersinsel, 20. Oktober 1765

Mein Herr! Der traurige Zustand, in dem ich mich befinde, und das Zutrauen, das ich in Ihre Güte habe, veranlassen mich, Sie demütig zu bitten, Ihren gnädigen Herren gütigst einen Vorschlag zu unterbreiten, welcher bezweckt, mich ein- für allemal von den Sorgen eines stürmischen Lebens zu befreien, was, wie mir scheint, denjenigen, die mich verfolgen, besser passen würde als meine Entfernung. Ich habe meine Lage, mein Alter, mein Gemüt und meine Kräfte überdacht: Sie alle erlauben mir nicht, in diesem Augenblick und ohne Vorbereitung eine lange und mühselige Reise zu unternehmen, irrend in kalten Ländern herumzugehen und mich damit zu ermüden, in der Ferne ein Asyl zu suchen in einer Jahreszeit, wo meine Gebrechlichkeit mir nicht einmal erlaubt, das Zimmer zu verlassen. Nach dem, was sich sich zugetragen hat, kann ich mich nicht entschliessen, auf neuenburgischen Boden zurückzugehen, wo der Schutz des Fürsten und der Regierung mich nicht vor der Wut einer einer aufgereizten Menge sichern könnte, welche keine Grenzen kennt. Sie begreifen, mein Herr, dass keiner der benachbarten Staaten einem Unglücklichen, der auf so harte Weise aus diesem verjagt worden ist, einen Zufluchtsort geben wird oder oder darf.  In dieser höchsten Not sehe ich für mich nur einen einzigen Ausweg, und so schrecklich er auch scheinen mag, würde ich ihn wählen, nicht nur ohne Widerwillen, sondern sogar mit Vorliebe, wenn Ihre Gnädigen Herren darein einwilligen wollten, d. h. wenn es ihnen beliebte, dass ich den Rest meiner Tage in irgend einem ihrer Schlösser oder einem andern Ort ihrer Staaten, den sie nach ihrem Gutfinden auswählen würden, im Gefängnis zubringe. Ich würde dort auf meine Kosten leben und Gewähr leisten, ihnen nie zur Last zu fallen; ich würde mich verpflichten, weder Papier, noch Federn, noch irgend eine Verbindung nach aussen zu haben, wenn es nicht absolut nötig ist und durch die Vermittlung derjenigen geschieht, die mit meiner Person beschäftigt sein werden.  Wenn man mir die Freiheit lässt, mich hie und da mit einigen Büchern in einem Garten zu ergehen, bin ich zufrieden. Glauben Sie nicht, mein Herr, dass ein Entschluss, der so gewaltsam scheint, die Frucht der Verzweiflung sei; meine Seele ist in diesem Augenblick ganz ruhig. Ich habe mir die Zeit genommen, die Sache gut zu überlegen, und erst nach reiflicher Erwägung meines Zustandes habe ich mich dazu entschlossen. Bedenken Sie, bitte, dass wenn dieser Entschluss ausserordentlich und seltsam ist, meine Lage es noch in höherem Masse ist. Mein Missgeschick ist ohne Beispiel: das stürmische Leben, das ich seit einer Reihe von Jahren führe, wäre schrecklich für einen gesunden Menschen, stellen Sie sich vor, was es sein muss für einen armen Kranken, erschöpft von Leiden und Überdruss, welcher nur bestrebt ist, im Frieden zu sterben. Alle Leidenschaften in meinem Herzen sind erloschen, und es birgt nur noch das heisse Verlangen nach Zurückgezogenheit und Ruhe; ich würde sie an dem Ort, den ich erbitte, finden. Befreit von der albernen Zudringlichkeit der Neugierigen, und vor neuen Katastrophen sicher, würde ich ruhig die die letzte abwarten; da ich von dem, was in der Welt vorgeht, nicht mehr unterrichtet wäre, würde ich auch durch nichts mehr betrübt.
Ich liebe die Freiheit ohne Zweifel; aber die meinige steht nicht in der Gewalt der Menschen, und weder die Mauern, noch die Schlüssel könnten sie mir rauben. Diese Gefangenschaft, mein Herr, erscheint mir gar nicht so schrecklich - ich fühle so gut, dass ich sie mit dem ganzen Glück, das ich in diesem Leben noch zu erhoffen habe, geniessen würde - und dadurch, wiewohl sie meine Feinde  von aller Unruhe, was mich anbetrifft, befreien müsste, darf ich nicht hoffen, sie zu erlangen. Aber ich will mir nichts vorzuwerfen haben, auch nicht andern gegenüber; ich will mir Zeugnis ablegen können, dass ich jedes ausführbare und ehrbare Mittel versucht habe, das mich der Ruhe versichern und welches den neuen Stürmen zuvorkommen könnte, welchen man mich entgegenzueilen zwingt.
Ich kenne, mein Herr, die Gefühle der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit, von denen Ihre grossmütige Seele erfüllt ist, ich sehe wohl ein, was es Sie kosten kann, eine solche Gnadenbezeugung zu verlangen; aber wenn Sie, meine Lage überblickend, begriffen haben, dass diese Gunst in Wirklichkeit eine grosse wäre für mich, sind die gleichen Gefühle mir Bürge, dass Sie diese zu überwinden wissen werden. Ich erwarte, um endgültig meinen Entschluss zu fassen, dass es Ihnen beliebe, mich mit einer Antwort zu beehren. Haben Sie die Güte, mein Herr, ich bitte Sie, meine Entschuldigungen und meine Achtung gnädig aufzunehmen.



Dritter Brief

St. Petersinsel,  22 Oktober 1765

Mein Herr! Ich kann die St. Petersinsel nächsten Samstag verlassen, und ich werde mich dabei nach dem Befehl Ihrer Gnädigen Herren richten; aber nachdem ich den Umfang ihrer Staaten kenne und meinen Zustand überblicke, ist es mir absolut unmöglich, am gleichenTage die Grenzen ihres Territoriums zu überschreiten; ich werde mich in allem dem fügen, was mir möglich ist. Wenn mich Ihre gnädigen Herren strafen wollen, dass ich ihrem Befehl nicht nachgekommen bin, können sie nach Belieben über meine Person und mein Leben verfügen; ich habe gelernt, mich hinsichtlich des Verhaltens der Menschen auf alles gefasst zu machen, sie werden mir meine Seele nicht unversehens nehmen.
Empfangen Sie, gerechter und grossmütiger Mann, die Versicherungen meines respektvollen Dankes und eines Angedenkens, das nie aus meinem Herzen schwinden wird.


Vierter Brief

Biel, 25. Oktober 1765

Ich erhalte, mein Herr, mit Dank die neuen Zeichen Ihrer Aufmerksamkeit und Ihrer Güte für mich, aber ich werde davon jetzt keinen Gebrauch machen. Die zuvorkommende Gefälligkeit und die anhaltenden Bitten der Herren von Biel bestimmen mich, einige Zeit bei ihnen zuzubringen, und, was mir angenehm ist, in Ihrer Nachbarschaft.
Genehmigen Sie, mein Herr, ich bitte Sie, meinen Dank, meine Grüsse und meine Achtung.

J.J. Rousseau

Quelle:
Henzi W. (1946) St. Petersinsel, J.-J. Rousseau, Biel, Verlag der Heimatkunde-Kommission Seeland



Autor: Jean-Jacques Rousseau / Quelle: 1765