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Archive Bieler Tagblatt / Journal du Jura

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Lotti Kinsbergen - 101 Jahre erfülltes Leben

 

"Ich wurde 1906 als Charlotte Schmid geboren. Mein Vater war Sekundarlehrer, ich hatte drei Brüder. Wir wohnten in einem schönen Haus an der Schützengasse, wo ich noch heute lebe. Ich war eines der ersten Mädchen des neuen Bieler Gymnasiums an der Alpenstrasse. Dort herrschten Zucht und Ordnung. Betrat der Lehrer die Klasse, hatten sich alle Schüler zu erheben. Geschwatzt wurde natürlich nicht. Trotz aller Strenge züchtigten uns die Lehrer selten, die Buben kassierten ab und zu mal eine "Rüttlete". In den kahlen Schulzimmern hingen weder Bilder noch Zeichnungen. Die Kinder trugen ihre besten Kleider, die Mädchen zusätzlich eine blaue Schürze.

Mit den naturwissenschaftlichen Fächern stand ich auf Kriegsfuss. Sprachen dagegen mochte ich sehr. Mein Lieblingsfach war Turnen. Die Mädchen schwärmten für Turmlehrer Geiser.  Ein Bild von einem Mann - gross, schlank und geschickt! All die Modesportarten von heute kannten wir nicht. Wir kletterten die Sprossenwand hoch, schlugen Purzelbäume und spielten Ball.

Unser Rektor war Dr. Hans Fischer, ein strenger, nobler Herr von brillanter Intelligenz. Meine Kameradinnen und ich kamen stets piekfein in die Schule "getäselet". Viel zu elegant, brummte Fischer, weshalb die Kleiderpracht fortan unter besagter Schürze zu verschwinden hatte. Generationen mussten dann dieses blöde Stück Stoff tragen.

Eine vergnügliche Figur war Zeichnungslehrer Vital, in dessen Mundwinkel stets eine Zigarette glimmte. Jawohl, damals durfte man in den den Schulzimmern noch rauchen, selbstverständlich nur als Lehrkraft. Chemielehrer Christen konnte Mädchen nicht ausstehen und schmiss gar mit Schlüsseln nach uns. Wahrscheinlich dachte er, wir hätten an einer Mittelschule eh nichts zu suchen.

Zu den Höhepunkten gehörten unsere Theateraufführungen, zum Beispiel Wilhelm Tell. Die Ränge im Stadttheater waren jeweils bis auf den letzten Platz besetzt. Im Sommer badeten wir beim Krebs, ich konnte vom Strandboden nach Nidau schwimmen - und zurück! Ich war auch eine gute Skiläuferin und fuhr am liebsten mit den Buben. Am Sonntagnachmittag gingen wir oft zum Tanz ins Fantasio an der Plänkestrasse.

Nach der Matur hätte ich gerne Sport und Tanz studiert. Ich studierte auf Wunsch meines Vaters Medizin, bestand aber die Prüfungen nicht. Danach studierte ich in Neuenburg Jura und war ein Jahr berufstätig. 1934 heiratete ich den holländischen Uhrenkaufmann Salomon "Pam" Kinsbergen. Wir hatten zwei Kinder, Manus und Franca. Der Sohn wurde Arzt, die Tochter Fürsprecherin. Wegen der jüdischen Wurzeln meines Mannes emigrierten wir 1941 nach Java, das damals noch zu den Niederlanden gehörte. Pam wurde eingezogen und geriet in Kriegsgefangenschaft. Als die Japaner Java besetzten, kam ich mit meinen Kindern in ein Konzentrationslager. Wir litten Hunger. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens.

Wir kehrten 1946 nach Biel zurück. Mein Mann arbeitete in der Uhrenbranche. Ich engagierte mich in gemeinnützigen Organisationen: So im Spitalbasar-Komitee, davon 25 Jahre als dessen Präsidentin, bei der Organisation Kiriat Yearim, die in Israel ein Kinderdorf für palästinensische und israelische Kinder betreibt und in der Jüdisch- Christlichen Arbeitsgemeinschaft. 1997 starb mein Mann mit 92 Jahren. Wir hatten über 60 glückliche Jahre zusammen verbracht. Dass ich nach 101 Jahren erfüllten Lebens noch zu Hause sein kann, ist ein Riesengeschenk. Dies verdanke ich auch unseren langjährigen Angestellten Raffaela und Giuseppe Simeoni, bei denen ich zu Mittag esse und die mich tatkräftig unterstützen. Sie gehören heute quasi zur Familie. Vieles kann ich noch selber machen. Ich bade jeden Tag, kleide mich sorgfältig und besuche wöchentlich John, meinen Coiffeur am Unteren Quai. Ich lese ohne Brille die Zeitung und informiere mich am Fernsehen. Weihnachten feiere ich mit meinen Kindern, fünf Enkeln und sieben Urenkeln bei mir zu Hause."


AutorIn: Hans-Ueli Aebi
 
 
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